Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Bulgarien und Baden-Württemberg

Welchen Beitrag möchte das Honorarkonsulat in Stuttgart zur weiteren Stärkung der Zusammenarbeit der beiden Länder leisten

Dr. Till W. Truckenmüller

Honorarkonsul der Republik Bulgarien für Baden-Württemberg

Ein kleiner Bericht über die Entwicklung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit zwischen Bulgarien und Baden-Württemberg.

 

Es entspricht meiner politischen und persönlichen Überzeugung aktiv an einer Verbesserung der Beziehungen zwischen den europäischen Staaten und Ihren Menschen zu arbeiten. Nur so kann langfristig ein friedvolles Zusammenleben der Menschen erreicht und die Lebensqualität in allen Staaten Europas auf ein hohes Niveau gebracht und auch dauerhaft erhalten werden.

Wichtig ist auch die Weiterentwicklung der demokratischen Strukturen in den neuen Ländern der EU, dazu gehört z.B. die Umsetzung  rechtsstaatlicher Prinzipien  oder die Durchführung freier Wahlen. Ich habe mich deshalb sehr gefreut, dass zu den bulgarischen Parlamentswahlen am 5.Oktober  2014 erstmals auch 4 Wahllokale in Baden-Württemberg für bulgarische Bürger geöffnet hatten. In Stuttgart haben 651 Bulgaren im Honorarkonsulat ihre Stimme abgegeben. Das war natürlich eine große Herausforderung für das Wahlkommission, die dies aber mit Bravur gemeistert haben. Ich hoffe, dass auch bei zukünftigen Wahlen den bulgarischen Bürgern wieder Wahllokale in Baden-Württemberg angeboten werden können. Gerne werde ich das unterstützen.

Wahlkommission

Die Wahlkommission in Stuttgart konnte 651 bulgarische Bürger im Rahmen der Wahlen am 5.10.2014 zählen.

 Als Wahlsieger wird S.E. Herr Boiko Borisov wieder das Amt des Premierminister ausführen. Herr Borisov hat bereits in seiner früheren Position als Premierminister meine Aktivitäten in Bulgarien, wie z.B. die Ansiedlung von Unternehmen oder den Aufbau des Automotive Cluster Bulgaria, maßgeblich unterstützt. Ich bin deshalb davon überzeugt, dass auch in der neuen Amtszeit von Herrn Borisov entscheidende Impulse für die Weiterentwicklung der Industrie in Bulgarien ausgehen werden.

Borisov

 

Seit mehr als 20 Jahren bin ich in allen Ländern Osteuropas aktiv und unterstütze Unternehmen beim Aufbau von Gesellschaften im Bereich Produktion, Entwicklung, Vertrieb und Shared Services. In Sofia habe ich seit 2010 eine eigene Firma. Den Aufbau des Unternehmens hat im wesentlichen eine junge Bulgarin geleistet, die in Deutschland studiert hat – ein Qualifikationspotenzial, das noch von zu wenigen Unternehmen in Deutschland genutzt wird – speziell, um Standorte in Bulgarien auf- und auszubauen. Was viele in Baden-Württemberg nicht wissen, Bulgarien verfügt über die höchste Anzahl deutschsprechender Akademiker in Osteuropa.

Oft ist auch nicht bekannt, dass Bulgarien mit nur 65 Einwohnern pro qkm deutlich mehr unberührte Natur zu bieten hat als Baden-Württemberg, die aber in ihrer Art mit Gebieten im Schwarzwald oder am Bodensee vergleichbar ist. 10,6 Mio. Einwohnern leben auf einer Fläche von nur rund einem Drittel der Fläche Bulgariens, d.h. pro qkm leben 297 Einwohner. Besonders angetan hat es mir die Freundlichkeit der Menschen und die Lebensfreude, die viel Ähnlichkeit mit der in Süditalien hat. Leider ist das vielen Baden-Württembergern nicht bekannt und leider gibt es auch zu wenig Anstrengungen der bulgarischen Tourismusverantwortlichen dies zu ändern. Die „Billigurlaubsgebiete“ am schwarzen Meer sind bestens bekannt, aber das hilft nur wenigen Hotelbesitzern und nicht Bulgarien. Eines meiner Ziele als Honorarkonsul ist es deshalb, den gehobenen Tourismus in Bulgarien für die Baden-Württemberger weiter zu erschließen. Dies ist nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen notwendig, sondern auch um das Verständnis für die beiden Kulturen zu verbessern. So hat Bulgarien kulturhistorisch über Jahrtausende gesehen mehr zu bieten als Baden-Württemberg.

Bodensee bei Föhnlage im Frühjahr

Konstanz am Bodensee bei Föhnlage im Frühjahr

vidin

 Die Donau, die in Donaueschingen, Baden-Württemberg, entspringt, hier bei Vidin im Frühjahr mit einer Breite von bis zu 3 km

 

Als Unternehmer und Manager gilt mein Interesse speziell der Verbesserung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit von Unternehmen aus Bulgarien und Baden-Württemberg. Dass Bulgarien ein ausgesprochen interessantes Land für die Ansiedlung von industriellen Unternehmen, aber auch für Dienstleister und Handelsgesellschaften ist, wird eindrucksvoll durch die Investitionen führender Unternehmen aus Baden-Württemberg dokumentiert.

Herausragende Unternehmen mit Stammsitz in Baden-Württemberg sind seit vielen Jahren in Bulgarien erfolgreich tätig. Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen: Robert Bosch – mit ca. 50 Mrd. € Umsatz weltweit größter Auto-mobilzulieferer, Würth – mit 10 Mrd.€ Umsatz eines der führenden eigentümergeführten Unternehmen in Deutsch-land), Liebherr – mit knapp 10 Mrd. € Umsatz Weltmarkführer für Krananlagen und  führend in der Herstellung von Kühlschränken, Festo – eines der absolut innovativsten Unternehmen in Deutschland und einer der bedeutendsten Investoren in Hightech-Produkte und Entwicklung in Bulgarien, ABB – global führender Hersteller elektrotechnischer Komponenten und Anlagen, SAP - Weltmarktführer Unternehmenssoftware oder Lidl & Schwarz Group – mit 65 Mrd. € Umsatz einer der größten Discounter in Europa. Auch Dienstleister wie die Willi Betz Gruppe, führend in Europa mit Logistikleistungen mit den Tochterunternehmen Somat und BalkanStar, einem der größten Mercedes-Benz LkW Händler in Europa, sind seit Jahrzehnten in Bulgarien aktiv.

Auch viele kleinere Unternehmen aus Baden-Württemberg haben die Chancen in Bulgarien erkannt. So habe auch ich selbst 2010 ein eigenes Unternehmen in Sofia gegründet. Zusammen mit bulgarischen Partnern im Bereich Design und Print sowie Web-Design bieten wir, neben unseren klassischen Managementleistungen für den Aufbau von Geschäftseinheiten in Osteuropa, Marketingleistungen für Unternehmen in Baden-Württemberg und Bulgarien an – ein gutes Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit von Unternehmen aus Baden-Württemberg und Bulgarien -  Top-Qualität Made in Bulgaria bestens akzeptiert von deutschen Unternehmen.

Was bewegt Unternehmer in Bulgarien zu investieren: Zuerst einmal die vielen qualifizierten Mitarbeiter mit sehr guten Sprachkenntnissen. Auch die Rahmenbedingungen wie: keine Währungsschwankungen; Mitglied der EU, aber mit den günstigsten Produktionslöhnen in der EU – ca. 430 € brutto pro Monat. Dazu kommt, dass die Kosten für Soziales und Steuern nur ca. 30% betragen, in Baden-Württemberg aber oft über 100% bei deutlich höheren Bruttolöhnen, die im Durchschnitt rund 8 mal so hoch sind – dafür liegt die Steuerbelastung bei einem Uniabsolventen bereits oft über %. Die genannten niedrigen Löhne gelten aber nur für einfachere Tätigkeiten. Nach meiner Erfahrung liegen die Bruttolöhne für top-qualifizierte Mitarbeiter mit Hochschulausbildung, Sprachkenntnissen in Deutsch und Englisch auf mind. C1 Level und mehrjähriger internationaler Erfahrung bei ca. 30, manchmal auch bei über 50% der Bruttolöhne in Deutschland. Die im internationalen Vergleich sehr günstigen Steuern sind auch wichtig, aber für die meisten Investoren nicht ausschlaggebend.

Was ich von vielen Unternehmern höre: Um die Investitionsintensität weiter zu steigern, muss die Optimierung der eher langsamen und komplexen Vorgänge in den Administrationen und wenig transparente Rechtsverfahren dringend verbessert werden. Auch die fehlende duale Ausbildung wird von allen mir bekannten Investoren als Hemmnis genannt. Das wurde von der Regierung erkannt, aber die Umsetzung läuft erst sehr schleppend an.

Ein gutes Beispiel für die Entwicklung von Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Bulgarien ist der Aufbau des Automotive Cluster Bulgaria (ACB), zu dem auch Unternehmen aus Baden-Württemberg maßgeblich beigetragen haben. Die Gründung erfolgte im Juli 2012 mit 8 Unternehmen. Bei der ersten Generalversammlung im

November 2012 war das ACB, das sich als die Vertretung der in Bulgarien produzierenden Unternehmen der Automobilindustrie sieht, bereits auf 16 Mitglieder angewachsen.

ACB

Kristina Vladimirova, die Managerin des Automotive Cluster Bulgaria (ACB) und  ich in meiner Position als Präsident, freuen uns sehr über die besten Wünsche des Premierministers S.E. Herr Borisov, die S.E. Herr Dobrev als Wirtschaftsminister im Rahmen der Gründungszerenomie des ACB am 10.7.2012 überbracht hat. www.automotive.bg

Mitglieder im ACB sind heute die 30 Unternehmen: BalkanStar (Mercedes-Benz u.a.), Deloitte, Festo, Gebler, Gefco, Grammer, Haycad Infotech, IMACOS Truckenmüller & Company, Industrial Commerce (Hyundai, Infiniti), Integrated Micro-Electronics, Kemmler Electronics, KPMG, Leschke Design, Litex Motors, Magna Powertrain, Rödl & Partner, Schenker, Sensata, S-Media Team (u.a. Autobild, Topgear), Standard Profil, Visteon Electronic (ehem. Johnson Controls Electronic) Würth Elektronik. Mitglieder sind auch die Technische Universität Sofia, die Technische Universität Gabrovo und die Technische Universität Ruse.

Die Mitglieder des ACB beschäftigen in Bulgarien mehr als 12.000 Mitarbeiter. Weltweit sind mehr als 670.000 Mitarbeiter für diese Unternehmen tätig – dies zeigt eindrucksvoll die hohe Bedeutung wirtschaftlicher Verflechtung zwischen Bulgarien und der Automobilindustrie.

 

In Baden-Württemberg sind die Erfinder des Automobils zu Hause. Der Umsatz von Daimler mit 120 Mrd.€ entspricht dem 3-fachen BIP Bulgariens – dies zeigt die Be-deutung der Autoindustrie für Bulgarien. Baden-Württemberg spielt dabei eine herausragende Rolle. Auch der Welt-marktführer für Sportwagen, die Firma Porsche, kommt aus Stuttgart. Und nicht zu vergessen viele weltmarkführende Automobilzulieferer, allen voran Robert Bosch.

RP bei Mercedes

 Besuch S.E. Herrn Staatspräsident Rosen Plevneliev bei Mercedes-Benz 2013

 Es ist unbestritten, dass die Ansiedlung von Automobilherstellern und Zulieferern maßgeblich für das wirtschaftliche Wachstum vieler Staaten in Osteuropa verantwortlich ist. Das ACB hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, weitere Zulieferer für Bulgarien zu gewinnen.

Wir haben auch einen bisher in Europa einmaligen Ansatz entwickelt, einen Automobilhersteller nach Bulgarien zu bringen. Was ist neu: Zusammen mit international führenden Planern wird ein Rahmenkonzept für eine solche Großinvestition, die dafür notwendige Infrastruktur einschließlich Wohnungen, Eventcenter, Krankenhaus, Schulen etc. Und wir werden die ca. 1 Mio. im Ausland lebenden Bulgaren für dieses Projekt begeistern – das wird keinen Investor kalt lassen. Ziel ist es, mind. 3.000 qualifizierte Mitarbeiter für denjenigen Automobilhersteller zu gewinnen, der die Chance ergreift in Bulgarien zu investieren.

Das 2014 gestartete Projekt Donau Motor, an dem das ACB zusammen mit dem Fraunhofer IPA in Stuttgart und dem Landesnetzwerk Mechatronik Baden-Württemberg teilnimmt, zeigt die weitere Vernetzung von Baden-Württemberg mit Bulgarien und den anderen Donauanrainerstaaten. Ziel ist die Vernetzung der führenden ca. 50 technologiegetrieben Forschungseinrichtungen, Universitäten und Cluster (incl. ICT) zum größten Technologienetzwerk in Europa.

Als Honorarkonsul engagiere ich mich auch für eine weitere Vertiefung der Zusammenarbeit auf kultureller und politischer Ebene. Sei es durch die Organisation von Reisen für Unternehmer und Manager aus Baden-Württemberg zu den zahlreichen kulturellen Höhepunkten in Bulgarien oder durch aktives Vorantreiben der Umsetzung von Zielen, die sich aus der gemischten Regierungskommission Bulgarien/Baden-Württemberg sowie der EU-Donaustrategie und zahlreichen weiteren Aktivitäten wie z.B. das erst im August 2014 gegründete Donau-verbindungsbüro in Ulm ergeben.

Ich möchte natürlich nicht vergessen hervorzuheben, dass sich die Beziehungen zwischen Bulgarien und Baden-Württemberg in den letzten Jahren weiter positiv entwickelt haben. Dabei möchte ich stellvertretend die beiden Besuche des bulgarischen Staatspräsident, S.E. Herrn Rosen Plevneliev, hervorheben, den ich in meiner Amtszeit bereits 2 mal in Baden-Württemberg begrüßen durfte.

Das Zusammentreffen der gemischten Regierungskommission von Bulgarien und Baden-Württem-berg im Januar 2015 im Ortenaukreis (Städtepart-nerschaft mit Vidin) wird sicher einen weiteren wichtigen Schritt in der Zusammenarbeit der bei-den Länder darstellen. Für die nächste Konferenz der EU-Donaustrategie 2015 in Ulm und Stuttgart werden sicher wieder mehr als 1.000 Gäste aus allen Donauländern teilnehmen.

Besonders wichtig sind aber auch die vielen Einzelaktionen auf kultureller und politischer Ebene, die die Beziehung zwischen den Ländern festigt und das Leben der Menschen hilft zu verbessern. Stellvertretend für das Engagement der in Baden-Württemberg lebenden Bulgaren seien genannt: Deutsch-Bulgarischer Freund-schaftskreis Stuttgart, Kulturforum „Martenitsa“  Stuttgart, Studentenverein „Bai Ganyo“ Mannheim, Akad. Verein „Kyrill und Method“ Karlsruhe und natürlich das Südosteuropäisch-Bulgarische Kulturinstitut in Ellwangen.

Baden-Württemberg wird sich weiterhin anstrengen, den mehr als 15.000 Bulgaren ein gutes Zuhause anzubieten.  Die Unternehmen in Baden-Württemberg freuen sich über den Zuspruch der Bulgaren, die eine ähnlich niedrige Arbeitslosenquote aufweisen wie die Baden-Württemberger selbst, was für eine gute Integration spricht.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich die Beziehungen zwischen Bulgarien und Baden-Württemberg auch in Zukunft positiv zum Nutzen beider Länder und zum Nutzen der Menschen entwickeln werden.

Dr. Till W. Truckenmüller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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